Religiöse Serie: Religionen der Welt – Hinduismus

Die tanzende Göttin Shiva – Darstellung aus dem 11. Jahrhundert.

Übersicht

Der Hinduismus ist mit rund einer Milliarde Anhängern und einem Anteil von etwa 15 % der Weltbevölkerung nach dem Christentum (rund 31 %) und dem Islam (rund 23 %) die drittgrößte Religionsgruppe oder eigentlich ein vielgestaltiger Religionskomplex, der Erde. Seinen Ursprung hat er in Indien. Anhänger werden Hindus genannt, wobei dieses eine sehr vereinfachende Sicht ist, weil der Hinduismus viele Ausprägungen hat. Im Gegensatz zu anderen Religionen gibt es im Hinduismus keinen Religionsstifter, vielmehr entwickelten sich die religiösen Systeme Indiens über einen Zeitraum von ca. 3500 Jahren.

Der Hinduismus vereint in sich grundsätzlich verschiedene Religionen, die sich teilweise mit gemeinsamen Traditionen überlagern und gegenseitig beeinflussen, in heiligen Schriften, Glaubenslehren, der Götterwelt und Ritualen aber Unterschiede aufweisen.

Auf dem indischen Subkontinent setzte sich der Hinduismus im 1. Jahrtausend n. Chr. gegenüber dem Buddhismus durch und wurde im 12. Jahrhundert zur vorherrschenden Religion Indiens.

Mit dem Vordringen der Muslime ab 711/712 n. Chr. wurde die einheimische Bevölkerung Hindus und das Land als „Al Hind“ genannt. Die Hindu-Identität konstruiert sich damit besonders durch ihr Verhältnis zu den herrschenden Muslimen als Nicht-Muslime.

Innerhalb des Hinduismus gibt es monotheistische, dualistische und polytheistische Richtungen, Gottheiten erscheinen als persönliche oder unpersönliche Wesen. Die Hindu-Religionen verfügen weder über ein gemeinsames Glaubensbekenntnis noch über eine zentrale Institution, die Autorität für alle Hindus hätte. Nur einzelne Richtungen gehen auf einen bestimmten Gründer zurück. Für den persönlichen Glauben haben religiöse Lehrer (Gurus) oft einen großen Stellenwert. Trotz aller Unterschiede können Hindus der verschiedenen Richtungen weitgehend gemeinsam feiern und beten. „Einheit in der Vielfalt“ ist eine oft verwendete Redewendung im Hinduismus.

Glaubensrichtungen und Lehre

Jede Glaubensrichtung hat eigene nur für sie verbindliche heilige Schriften: z. B. Vishnuiten das Bhagavatapurana, Shaktianhänger das Devi Mahatmya. Die Veden werden übergreifend von vielen Hindus als heilig angesehen.

Entgegen dem ersten Anschein ist der Hinduismus keine polytheistische Religion. Viele westliche Religionswissenschaftler und Indologen bezeichnen ihn, obwohl der Begriff umstritten ist, als Henotheismus, da alle Götter – je nach individueller Glaubensausrichtung – Ausdruck des einen höchsten persönlichen Gottes oder auch der unpersönlichen Weltseele (Brahman) sein können.

Obwohl der Hinduismus aus unterschiedlichen Strömungen besteht, gibt es Gemeinsamkeiten, die in den meisten Richtungen vorliegen, die als eine Reihe von Leitgedanken und Grundsätzen erscheinen. Hinduistische Lehren betrachten den Kosmos als geordnetes Ganzes, das vom Dharma, dem Weltgesetz, welches die natürliche und sittliche Ordnung darstellt, beherrscht wird. Dharma bedeutet Recht, Pflicht, Ordnung und bezieht sich darauf, dass jedes Wesen sich so zu verhalten hat, wie es seinem Platz in der Welt entspricht. Zyklen des Werdens und Vergehens (Kalpa) der Welt bilden eine andere wichtige Grundlage hinduistischer Traditionen. In diesen Zyklen gibt es keinen Schöpfungsanfang und keine endgültige Vernichtung des Universums und des Daseins. Zentren hinduistischer Religio­sität sind neben dem eigenen Haus die Tempel.

Gottesbild

Die verschiedenen hinduistischen Traditionen und Philosophien vertreten unterschiedliche Gottesbilder, Hauptrichtungen sind jedoch Shivaismus, Vishnuismus sowie Shaktismus, die Verehrung Gottes in weiblicher Form.

Wiedergeburt und Erlösung

Einige Gläubige gehen davon aus, dass Leben und Tod ein sich ständig wiederholender Kreislauf (Samsara) sind und glauben an eine Reinkarnation. Der Glaube an Wiedergeburt ist aber nicht Hauptbestandteil des Hinduismus und nur in einigen wenigen Strömungen vertreten. So gibt es im Ur-Hinduismus und den frühen südindischen Religio­nen kein derartiges Konzept.

Götter, Menschen und Tiere durchwandern nach hinduistischer Glaubensvorstellung einen durch ewige Wiederkehr gekennzeichneten Kreislauf. Während des Lebens wird je nach Verhalten gutes oder schlechtes Karma angehäuft. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung von Handlungen beeinflusst nach hinduistischer Vorstellung zukünftige Reinkarnationen und die Erlösung (Moksha).

In welcher Art von Wesen das Individuum wiedergeboren wird, hängt ab von den Taten in vorherigen Existenzen, woraus sein Karma resultiert. Das Karma ist verknüpft mit der Vorstellung einer sittlichen Weltordnung, dem Dharma, wodurch alle Handlungen gemäß dem Prinzip von Ursache und Wirkung die Voraussetzung für die künftige Wiedergeburt darstellen. Ein jedes Wesen besteht aufgrund seines in früheren Daseinsformen angesammelten Tatenpotenzials, welches das Gesamtergebnis einer jeden Existenz bewirkt. Folglich ist der Tod nicht der Abschluss des Lebens, sondern lediglich der Übergang zu einer neuen Daseinsform.

Vegetarische Nahrung

Möglicherweise auch als Reaktion auf den Vegetarismus im Buddhismus und auf die gestiegene Bedeutung von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, forderten die hinduistischen Schriften verstärkt den Verzicht auf Fleischverzehr.

Allgemeiner Vegetarismus ist für Hindus weder eine Forderung noch ein Dogma, jedoch wird die vegetarische Lebensweise als die ethisch höhere angesehen, da Fleisch ein Produkt der Tötung ist.

Kastensystem

Oft wird der Hinduismus mit der Kastenordnung in Verbindung gesetzt. Grundsatz der Kastenordnung ist, dass die Lebewesen von Geburt an nach Aufgaben, Rechten, Pflichten und Fähigkeiten streng voneinander getrennt sind.

Die klassische Ständeordnung gliedert sich in vier „Hauptkasten“, sogenannte Varnas (wörtlich „Farben“), von denen jede mit einer Farbe assoziiert wird:

Brahmanen: Farbe Weiß; oberste Kaste; Priester und Gelehrte

Kshatriyas: Farbe Rot; die Kriegerkaste; Krieger, Aris­tokraten, Landbesitzer

Vaishyas: Farbe Gelb; Händler, Geschäftsleute, Handwerker

Shudras: Farbe Schwarz; Diener, Knechte, Tagelöhner

Die Hierarchie wird durch den Wert der rituellen „Reinheit“ strukturiert. Dadurch unterscheidet sie sich beispielsweise von der mittelalterlichen Ständegesellschaft, die die ökonomischen und politischen Machtverhältnisse abbildete.

Unterhalb der vier Hauptkasten sind die Dalits, die auch als „Unberührbare“ bezeichnet werden, woraus eine gewisse Diskriminierung und Ausgrenzung resultiert. Diese führen „unreine“ Tätigkeiten aus, damit die Kastengesellschaft ihre Werte der Reinheit aufrechterhalten kann. So sind sie es, die üblicherweise Fäkalien, Müll, Überreste verstorbener Tiere und Leichen entsorgen bzw. beseitigen. Zwar ist in der indischen Verfassung ein Verbot von Praktiken der „Unberührbarkeit“ festgeschrieben, dies hat die Diskriminierung jedoch nicht beseitigt, was sich beispielsweise im Ausschluss aus Dorfgemeinschaften oder diskriminierenden Kleidervorschriften zeigt.

Rolle der Frau

Eine der Hauptaufgaben der Frau im Hinduismus ist die Mutterschaft. Jedes Stadium der Schwangerschaft bis hin zur Geburt wird begleitet von sakramentalen Riten zum Schutz und zu körperlichem und geistigem Wohlergehen von Mutter und Kind. Früher sollten Frauen möglichst viele Söhne bekommen, da diese die Sicherheit und das Überleben der gesamten Familie garantieren konnten. Obwohl Hindus die Töchter nicht generell geringer schätzen, gelten sie oft noch in manchen Familien als Belastung, da sie bei ihrer Hochzeit die Mitgift mitbringen müssen und die Familie durch Mitgiftzahlungen für zu viele Töchter verarmen kann. Dieses Problem führt zu einer hohen Abtreibungsrate bei weiblichen Föten. Viele moderne Hindus, besonders in den Städten, freunden sich allmählich mit dem Gedanken an, dass auch eine Tochter ihre Eltern im Alter versorgen kann.

Familie

Normalerweise ist in der traditionellen Familie der Vater das Oberhaupt. Er trifft alle wichtigen Entscheidungen, beispielsweise über Geldangelegenheiten, Hochzeit usw. – zumindest soll es nach außen hin so aussehen. Traditionellerweise ist die Mutter-Sohn-Bindung die engste im indischen Familiensystem. Meist wohnt der Sohn mit seiner Ehefrau im Haus der Eltern, wenn die räumlichen Verhältnisse dies zulassen.

Bei den Töchtern jedoch ist auch noch meist von vorneherein klar, dass sie das Haus verlassen werden, um in die Familie des Ehemannes zu ziehen. Dies ist nicht einfach für die junge Ehefrau. Sie ist diejenige in der Familie mit den wenigsten Rechten, ihr Status verbessert sich oft erst, wenn sie Kinder (am besten einen Sohn) bekommt. Ältere Frauen, d. h. Schwiegermütter, haben oftmals einen sehr soliden Status und sind mit genügend Autorität ausgestattet. Eine soziale Rolle, die im Hinduismus traditionell nicht sehr angesehen ist, ist die der unverheirateten Frau. Ledige Frauen wohnen in Indien meist nicht alleine, sondern weiter im Haushalt der Eltern.

Das Verhältnis zwischen Ehegatten ist in erster Linie von Pragmatismus geprägt. Nach wie vor sucht oft die Familie eine Person als Ehemann oder Ehefrau aus, die in Bezug auf Bildung und Status gut passt (arrangierte Ehe). Die Liebe kommt später, sagt man in Indien. Das sei wie ein Topf Wasser, den man auf den Herd stellt und der erst später zu kochen anfängt. Liebesheiraten werden jedoch mit der Zeit üblicher.

Der Hinduismus in Deutschland

In Deutschland gibt es ca. 100.000 Anhänger der Glaubensgemeinschaft. Dazu zählen schätzungsweise 42.000 bis 45.000 tamilische Hindus aus Sri Lanka, 35.000 bis 40.000 Hindus indischer Herkunft, 7.500 Hindus deutscher oder anderer europäischer Herkunft und 5.000 afghanische Hindus.

Holger Meyer

<< Zurück zur Startseite

Epheta Info

>> Näheres zu Bezugsbedingungen und Bestellung

Die Medien Partner - Logo

Herausgeber und Verlag

Die MedienPartner GmbH
Verlag epheta
Postfach 1107 - 77901 Lahr
Industriehof 6 - 77933 Lahr

Tel.: 07821 949925
Fax: 07821 42478

loeffel@die-medienpartner.de

Redaktionsleitung

Holger Meyer
Dwergter Str. 3
49696 Molbergen

Tel.: 04475 9278412
Fax: 03212 1235767
Fax: 04475 9278498

epheta@meyer.net