Religionen der Welt – Teil 6: "Das Bahaitum"

Bahai Gärten und Tempel auf dem Carmel Mountain Haifa/Israel. Foto: © Alexey Protasov/stock.adobe.com

Das Bahaitum ist eine weltweit verbreitete Religion mit rund acht Millionen Anhängern, die sich auf die Lehren des Religionsstifters Bahāʾullāh (1817 - 1892) berufen und nach ihm als Bahai bezeichnet werden. In ihrem Ursprungsland Iran bilden die Bahai zwar die größte religiöse Minderheit, sind aber starker Verfolgung ausgesetzt. Überhaupt ist die Geschichte der Bahai voller Verfolgungen. Hauptverbreitungsgebiete heute sind Indien, Afrika, Süd- und Nordamerika. Es gibt aber auch Bahai in Deutschland.

Die ursprünglich aus dem Babismus hervorgegangene Universalreligion lehrt einen abrahamitischen Monotheismus eigener Prägung, in dessen Mittelpunkt der Glaube an einen transzendenten Gott, die mystische Einheit der Religionen und der Glaube an die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfältigkeit stehen. Die Bahai fühlen sich einer humanitären Vision der gesellschaftlichen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts verpflichtet. Entwickelt haben sich die Lehren der Bahai aus dem Islam, sind aber nicht islamisch.

Neben dem als Gottesoffenbarung betrachteten Werk Bahāʾullāhs zählen die Bahai auch die Heiligen Schriften anderer Weltreligionen zum gemeinsamen religiösen Erbe. Die Religionsstifter schöpfen nach dem Glauben der Bahai alle aus derselben göttlichen Quelle. Die unverkennbaren Unterschiede zwischen den Religionen seien primär historisch bedingt: Sie gelten als Ausdruck unterschiedlicher Bedürfnisse und kultureller Prägungen. Das ist ungewöhnlich für eine Religion, andere Religionen so in den eigenen Glauben einzubeziehen.

Der Bab

Die Geschichte des Bahai­tums geht auf das Wirken zweier Stiftergestalten zurück: Seyyed ʿAlī Muḥammad Širāzī (1819-1850), genannt „der Bab“ (arabisch: „das Tor“), und Mirzā Ḥusain-ʿAlī Nūrī (1817-1892), genannt „Bahāʾullāh“ (arabisch: „Herrlichkeit Gottes“).

Der eigentliche Stifter ist Bahāʾullāh. Der Bab wird von den Bahai als dessen Wegbereiter und zugleich als eigenständiger Religionsstifter des Babismus betrachtet.

Lehre

Die Bahai besitzen in den zahlreichen Originalschriften ihres Religionsstifters Bahāʾullāh eine eigene zentrale Offenbarungsquelle. Neben dem Heiligsten Buch und dem Buch der Gewissheit sind die mystischen Schriften (wie „Die Sieben Täler“ oder „Die Verborgenen Worte“) für die Gläubigen von großer Bedeutung.

Menschenbild

Nach dem Glauben der Bahai steht der Mensch von allen Schöpfungswerken Gott am nächsten, da er mit einem freien Willen, mit Vernunft, einer unsterblichen Seele und der Fähigkeit ausgestattet wurde, Gott zu erkennen und einen Bund mit ihm einzugehen. Das Leben im Diesseits wie im Jenseits wird als eine kontinuierliche mystische Reise zu Gott betrachtet. Himmel und Hölle sind für die Bahai Symbole für die Nähe oder Ferne zu Gott.

Das Leben in dieser Welt ist dazu bestimmt, geistige Fähigkeiten zu entwickeln, die für das Leben im Jenseits benötigt werden. Als geistige Fähigkeiten gelten Tugenden wie die Nächstenliebe, Dankbarkeit, Vertrauenswürdigkeit, Gottvertrauen, Demut und Geduld.

Gottesbild

Die Gottesvorstellung der Bahai ist monotheistisch. Sie glauben an „die Existenz und die Einheit eines persönlichen Gottes, der unerkennbar, unerreichbar, Quell aller Offenbarung, ewig, allwissend, allgegenwärtig und allmächtig ist“. Es ist der Gott, an den schon Abraham geglaubt hat.

Das Wesen Gottes bleibt dem Menschen verborgen. In der Schöpfung aber spiegeln sich die göttlichen Eigenschaften wider und können vom Menschen erkannt werden.

Gott gilt den Bahai als Schöpfer aller Dinge. Alles geht aus Gott und durch Gott hervor, allerdings unter der Wahrung des freien Willens Gottes. Die Schöpfung ist ein ständig fortschreitender Gnadenakt Gottes.

Religionsverständnis

Ein zentraler Grundsatz der Bahai ist, dass Religion nicht der Vernunft und der Wissenschaft widersprechen dürfe. Als wichtigstes Element der Religion gilt die Nächstenliebe. Religion, die zu Zwietracht führt, verfehle ihren Zweck, und es sei besser, ohne sie zu leben.

Theologischer Angelpunkt der Bahai-Lehre ist: Gott offen­bart sich der Menschheit nicht einmalig, sondern immer wieder und immer weitgehender. Da die Menschheit sich ständig fortentwickelt, muss die Religion eine Erneuerung erfahren, um der Situa­tion entsprechend göttliche Führung leisten zu können. Dies geschieht, indem Gott der Menschheit in bestimmten Zeiträumen göttliche Offenbarer schickt. So einer ist für sie auch Jesus. Folglich sind die großen Religionen allesamt göttliche Stiftungen, die seine Botschaft in jeweils abgewandelter äußerer Form wiedergeben.

Glaubenspraxis

Die Bahai-Religion schreibt kaum Riten vor. Adressat fast aller Gebote ist der einzelne Mensch, nicht die Gemeinde. Einen unmittelbar erlösenden oder heilsbringenden Charakter haben die Riten nicht. Was zählt, ist die geistige Grundhaltung und nicht die äußere Form.

Der Bahai-Tempel ist die vorgeschriebene Andachtsstätte der Bahai: ein neunseitiger Kuppelbau mit neun Eingängen. Der Tempel soll idealerweise von Gärten und sozialen Einrichtungen umgeben sein. Die Gottesdienste sind reine Andachten ohne Liturgie oder Predigt. Neben den heiligen Schriften des Bab und Bahāʾullāhs werden Schriften aus allen Weltreligionen vorgetragen. Als musikalisches Element dienen gesungene Rezitationen und Gebete,

Soloimprovisationen sowie Chorgesang. Musikinstrumente sind nicht vorgesehen, da die Tempel allein dem Wort Gottes und der menschlichen Stimme vorbehalten sind.

Eine zentrale Bedeutung haben die Fastenzeit und das Gebet, insbesondere die Pflichtgebete, die in drei unterschiedlichen Längen und Formen zur Auswahl stehen. Gefastet wird an 19 Tagen im Jahr (dem letzten Monat des Bahai-Kalenders). Fasten bedeutet für die Bahai völlige Enthaltung von Speise und Trank zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Vom Fasten ausgenommen sind Reisende und alle, die aus gesundheitlichen Gründen nicht fasten sollten. Weitere wichtige Gebote Bahāʾullāhs sind das tägliche Lesen in den Heiligen Schriften sowie die tägliche 95-malige Rezitation des Größten Namens „Baha“ (Herrlichkeit, Anmut, Glanz).

Bahāʾullāh verbietet den Bahai in einem seiner Bücher, Dinge zu konsumieren, welche sie ihres Verstandes berauben, es sei denn, es ist medizinisch notwendig. Wie an anderer Stelle erläutert wird, sind damit auch Glücksspiel, alkoholische Getränke und Drogen gemeint.

Die Heiratszeremonie, welche als Form nur eine einfache Trauformel kennt, ist nur zwischen Frau und Mann möglich und erfordert die Zustimmung aller noch lebenden Elternteile, was vor allem die Einheit innerhalb der Familie stärken soll. Sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe werden abgelehnt.

Die Bahai respektieren die Gesetze ihres jeweiligen Landes, enthalten sich jedoch der Parteipolitik.

Engagement in Jugendgruppen, Friedensbewegungen, interreligiösen Initiativen und Umweltschutzbewegungen und dergleichen außerhalb der Bahai-Gemeinde, sofern parteipolitisch neutral, wird ausdrücklich gefördert.

Gemeinde

Die örtliche Gemeinde trifft sich alle 19 Tage zu ihrer monatlichen Versammlung, welche von den Bahai Neunzehntagefest genannt wird.

Der Bahai-Kalender teilt das Jahr in 19 mal 19 Tage ein. Das Neunzehntagefest markiert den Monatsbeginn. Das Fest besteht aus drei Teilen: einem besinnlichen Andachtsteil, bei welchem aus den heiligen Schriften gelesen wird, einem Beratungsteil, bei welchem die Gemeinde über ihre Tätigkeiten berät, und einem geselligen Teil, welcher mit einem Festmahl einhergeht. Einen Klerus gibt es nicht. Jeder offiziell erklärte Bahai kann ab dem 21. Lebensjahr grundsätzlich jedes Amt bekleiden. Allerdings ist die Gesamtorganisation dennoch straff hierarchisch aufgebaut.

Beziehung zu anderen Religionen

Das Ziel von Religion ist nach den Bahai-Lehren „das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen“. Religion soll „nicht zur Quelle der Uneinigkeit und der Zwietracht, des Hasses und der Feindschaft werden“. Konflikte aus religiösen Gründen sind demnach nicht im Einklang mit den Bahai-Lehren.

Zu anderen Religionen besteht vonseiten der Bahai nicht nur aufgrund dieser Aufrufe ein gutes Verhältnis, sondern auch weil sie in Gott den „Herrn aller Religionen“ sehen. So gelten unter anderem Adam, Abraham, Moses, Zarathustra, Krishna, Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mohammed, der Bab und Bahāʾullāh als Manifestationen Gottes.

Gemäß dem Wort Bahāʾullāhs „Verkehret mit den Anhängern aller Religionen im Geiste des Wohlwollens und der Brüderlichkeit“ wirken Bahai beim interreligiösen und interkulturellen Dialog mit.

Bewertung

Die Bahai sind gegenüber anderen Religionen nicht nur tolerant, sondern beziehen deren Lehren sogar in bestimmtem Maße ein.

Von anderen Religionen, besonders dem Islam, wird das nicht erwidert. Vielmehr wurden und werden sie oft verfolgt.

Die beiden Religionsstifter starben sogar für ihren Glauben. Die christlichen Konfessionen haben die Bahai lange als Sekte abgetan.

Holger Meyer

Quellen: Enzyklopädien, Webseite der Bahai u.a.

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