„katholisch.de“ im Interview mit Christian Enke

Christian Enke ist Gehörlosenseelsorger im Bistum Limburg. Foto: privat

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Anfang März führte Redakteur Christoph Brüwer ein ausführliches Interview mit Pfarrer Christian Enke. Der Pfarrer ist Gehörlosenseelsorger im Bistum Limburg.

Mit freundlicher Genehmigung von „katholisch.de“ veröffentlichen wir hier das Interview aus der gedruckten epheta, Ausgabe 4.

Gehörlosenseelsorger Enke: „Wir sind ein bisschen Diaspora“

Gehörlosen Menschen sind Nähe und Kontakt wichtig, sagt Seelsorger Christian Enke. In der Corona-Pandemie ist das aber nur schwer umsetzbar. Im „katholisch-de-Interview“ berichtet Enke darüber, wie er dennoch mit gehörlosen Menschen in Kontakt bleibt und über einen Moment mit Gänsehaut vor Freude.

Rund 80.000 Gehörlose leben laut Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bundes in Deutschland. Als Fachgruppensprecher der Hörgeschädigtenseelsorge in Deutschland und Gehörlosenseelsorger im Bistum Limburg arbeitet Pfarrer Christian Enke mit einigen von ihnen.

Im Interview erklärt er, wie die Seelsorge für gehörlose Menschen in der Corona-Pandemie abläuft, welche Probleme es gibt und was sich Gehörlose in der Kirche wünschen.

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Frage: Herr Enke, seit rund einem Jahr begleitet uns die Corona-Pandemie. Wie läuft die Seelsorge für Gehörlose aktuell ab?

Enke: Zunächst einmal natürlich online und über Social Media. Messengerdienste sind gerade bei jüngeren gehörlosen Menschen schon länger selbstverständlich. Aber auch Ältere kommen mit Videokonferenzen und -chats zurecht. Ich mache deswegen häufiger Seelsorgegespräche auf diese Weise. Wenn es um Präsenz geht, geht das aber nur auf Distanz. So haben wir auch schon einen Altenheim-Gottesdienst durchs Fenster gemacht. Das ist für Gehörlose kein Problem, weil sie ja nur sehen und nicht hören müssen.

Unterschiede zur Seelsorge für Hörende

Frage: Das klingt ähnlich wie in der Gemeindeseelsorge für Hörende. Wo unterscheiden sich beide Bereiche?

Enke: Der große Unterschied liegt darin, dass Gehörlose anders vernetzt sind. In Gemeinden für Hörende kennt man sich, trifft sich beim Bäcker und alles ist insgesamt irgendwie nachbarschaftlicher. Auch die Kirche ist in der Nähe und man muss nicht so weit fahren. Das ist bei Gehörlosen anders: Die sind mehr unterwegs, weil es weniger Gemeinden und Treffen gibt. Die Gemeinden sind auch sehr viel ökumenischer ausgerichtet. Wir sind ein bisschen Diaspora, kann man sagen: Eine kleine Gruppe von Menschen, die gemeinsam unterwegs sind. Wenn wir Gottesdienste feiern, kommen meist sowieso katholische und evangelische Gehörlose. Die würden nicht sagen: Ich gehe da heute nicht hin, das ist nur evangelisch. Das finde ich persönlich eine sehr schöne Erfahrung.

Frage: Sie sprechen die bessere Vernetzung – auch im digitalen Bereich – an. Was ist aber mit denen, die sich mit Videochats oder Messengern nicht auskennen? Vereinsamen diese Menschen?

Enke: Das ist tatsächlich eine große Befürchtung, die wir in der Gehörlosenseelsorge gerade haben. Und wir versuchen, auch mit den Menschen Kontakt aufzunehmen, die im digitalen Bereich nicht so zuhause sind – entweder per Fax oder mit einem persönlichen Brief. Das wurde im ersten Lockdown schon sehr wertgeschätzt. Wir bieten auch an, dass wir uns persönlich treffen können, aber dann natürlich nur mit großem Sicherheitsabstand und geöffnetem Fenster oder gleich draußen. So machen wir das beispielsweise bei Trauergesprächen. Das ist schon schwer, weil Gehörlosen gerade Nähe und Kontakt wichtig sind. Und auch die Kirche will den Menschen nahe sein, zum Beispiel durch Sakramente.

Frage: Stichwort Sakramente: Ist es schwierig, die aktuell anzubieten? Zum Beispiel eine Beichte?

Enke: Ja und Nein. Dadurch, dass ein Beichtgespräch gebärdet wird, geht das. Man braucht nur einen Raum mit Sichtschutz nach außen. So machen wir das sonst auch, wenn jemand beichten möchte. Bei anderen Sakramenten ist das so wie in der Seelsorge für Hörende auch. Bei der Krankensalbung beispielsweise, wo man den Menschen normalerweise sehr nahekommt, ist es schwer, die Nähe Gottes aus der Ferne zu vermitteln. Aber das Handauflegen muss dann mit einem Luftpuffer dazwischen gemacht werden.

Digitalisierung

Frage: Bei Gottesdiensten und anderen kirchlichen Angeboten für Hörende gibt es durch die Corona-Pandemie aktuell einen großen Digitalisierungsschub. Nahezu alles findet im Internet statt. Beobachten Sie das auch in der Gehörlosenseelsorge, oder war das vorher schon gang und gäbe?

Enke: Wir haben auch vor der Pandemie schon kleinere Sachen angeboten, aber das hat jetzt nochmal einen Schub bekommen und ist wesentlich professioneller geworden. Vorher haben wir vielleicht mal mit viel Aufwand ein Video gedreht. Jetzt hat sich herumgesprochen, dass es auch reicht, wenn man ein Handyvideo aus der Hand aufnimmt. Natürlich gibt es einige, sie sagen: Ich habe einen anderen Anspruch und brauche Studioatmosphäre und eine Profi-Kamera. Andere – dazu gehöre auch ich – sagen: Wenn du einfach dein Handy nimmst und aus der Hand ein zwei Minuten langes Video filmst, ist das auch schon mal was. Auf unserer bundesweiten Internetseite „taub-und-katholisch.de“ hatten wir am Anfang kaum Videos oder Beiträge. Mittlerweile kommt fast täglich etwas.

Frage: Würden Sie denn sagen, dass dieser Digitalisierungsschub auch ein Vorteil ist, wo es ja nicht so viele Gemeinden und Angebote für Gehörlose gibt?

Enke: Ja, auf jeden Fall! So hat man die Chance, Gottesdienste aus anderen Städten zu erleben – oder auch aus anderen Ländern. Am 3. Dezember, dem internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, gab es zum Beispiel eine Livestream-Gebetsstunde mit Papst Franziskus.

Das war eine grandiose Erfahrung, wie moderne Medien Gehörlose miteinander verbinden können. Alle haben gemeinsam in verschiedenen Gebärdensprachen das Vaterunser gebetet und der Papst hat persönlich gegrüßt. Da hatte ich Gänsehaut vor Freude! An diesen Trend schließen sich auch lineare Fernsehsender an. Es gibt immer mehr untertitelte Gottesdienste und Sendungen. Beim ZDF-Gottesdienst gibt es beispielsweise auch eine simultane Gebärdensprach-Übersetzung – allerdings nur im Internet. Das heißt ältere Menschen, die den Gottesdienst schauen wollen, haben dann ein Problem. Das wäre ein Wunsch, dass Gehörlose da noch mehr in der Öffentlichkeit gesehen werden und es mehr Barrierefreiheit im Fernsehen gibt. Ein positives Beispiel dafür war das „Wort zum Heiligabend“ von Bischof Georg Bätzing und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, das auch mit Gebärdensprach-Übersetzung im Sender „Phoenix“ zu sehen war.

Exklusiv oder inklusiv?

Frage: Wünschen sich Gehörlose in der Kirche denn generell eher Angebote, die sich speziell an sie richten, oder eher Angebote, die sich an alle Gläubigen richten und ihnen barrierefrei zugänglich sind?

Enke: Beides. Inklusion ist ein großes Thema und es ist wichtig, dass sich alle Menschen einbringen können, auch als Kommunionhelfer, Katecheten oder im Pfarrgemeinderat. Und wenn es eine Bistumsveranstaltung mit dem Bischof gibt, sollte es selbstverständlich sein, dass auch Gehörlose daran teilnehmen und beispielsweise eine Fürbitte einbringen können. Aber im Alltag wollen die meisten Gehörlosen, die ich kenne, lieber etwas Exklusives, das ihrer Kultur entspricht. Sie sind Augenmenschen und Gebärdensprache ist ihre Muttersprache. Sie brauchen keine Orgel, sondern lieber schöne Gebärdenchor-Bewegungen. Sonst können solche Angebote im Alltag den Beigeschmack bekommen: Das hier ist eine „Hörenden-Veranstaltung“, und Gehörlose bekommen dann am Rand übersetzt. Insofern, finde ich, sollte es beides geben: inklusive Angebote wie zum Beispiel auf Bistumsebene oder in der Ortsgemeinde, wenn ein Pfarrfest oder das Patrozinium gemeinsam gefeiert wird, aber auch Veranstaltungen, die die Gehörlosen in ihrer Kultur gestalten.

Das Interview führte Christoph Brüwer/Quelle: katholisch.de

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