Wie kann man allen gerecht werden?

Peter Brinker ist Gehörlosenseelsorger im Bistum Dresden-Meißen.

Über Sprache, Rassismus, sexuelle Orientierung und Behinderung (Teil 1)

Ein Mann, der viele interessante Lieder schreibt, nennt sich „Funny van Dannen“. Vor vielen Jahren hat er ein Lied geschrieben, der Text wiederholt immer wieder die Zeile: „auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein.“ Was bedeutet das?

Ist er gegen lesbische Frauen? Gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe? Gegen Menschen mit Behinderung?

Nein – man muss genau lesen: „auch“ diese Menschen können „ätzend“ (unangenehm, fies) sein. KÖNNEN es sein – müssen es nicht.

Aber wir wissen: Menschen mit Behinderung oder anderer Hautfarbe sind häufig benachteiligt. Ebenso werden Menschen - die eine andere sexuelle Orientierung haben, sich von Menschen des gleichen Geschlechtes angezogen fühlen (Homo-Sexualität) oder sich nicht fühlen als das, als welches sie von Geburt an bezeichnet werden (Trans-Sexualität) - oft benachteiligt.

Warum schreibt „Funny van Dannen“ dieses Lied? Es geht um eine Frage, die jetzt wieder viel diskutiert wird: wie geht man damit um, dass Gruppen, die in der Gesellschaft eine Minderheit sind, benachteiligt werden? Menschen, die sich benachteiligt fühlen, wollen Rechte. Sie sagen, dass man nicht einfach sagen soll: „Ihr seid eine Minderheit und habt Euch anzupassen.“

  • Die Mehrheit ist hörend. Sollen taube Menschen sich anpassen? Sollen sie versuchen, Lautsprache zu lernen, CI-Implantation akzeptieren?
  • Die Mehrheit liebt das andere Geschlecht. Männer lieben Frauen, Frauen lieben Männer. Sollen sich Schwule und Lesbische und andere anpassen?
  • Müssen Menschen mit dunkler Hautfarbe sich in Deutschland anpassen? Weil „richtige“ Deutsche angeblich nicht dunkelhäutig sind?
  • Manchmal macht man sich lustig über Minderheiten, man macht dumme Witze (früher in den USA haben sich weiße Leute schwarz angemalt, um sich über schwarze Menschen lustig zu machen), Witze über Schwule, Witze über Menschen mit Behinderungen. Minderheiten brauchen Unterstützung – das sollte selbstverständlich sein!

Gerechte Sprache

Viele sagen, man soll eine GERECHTE SPRACHE anwenden, nie nur von Männern oder Frauen sprechen, sondern am besten das Gendersternchen: „*“ verwenden. Dann heißt es z. B.: „Der*die Arbeitgeber*in unterschreibt.“ Das bedeutet: ich weiß nicht, ob diese Person ein Mann – eine Frau oder „divers“ (keinem Geschlecht zugeordnet ist). Ist es also nur so in Ordnung, gerecht, fair? Die deutsche Rechtschreibung hat das bisher nicht gekannt. Bisher hat man gesagt: „Ärzte“ kann Männer und Frauen beinhalten (generisches Maskulinum). Das ist vielleicht nicht 100 %ig gerecht.

Vielleicht denken wir dann doch: „Ein Arzt ist normalerweise ein Mann; wenn eine Frau das ist, ist das eine Ausnahme?“ Eigentlich inzwischen nicht mehr – es gibt inzwischen mehr ÄrztINNEN.

Gender-Sternchen

Wer an einer Hochschule eine Abschluss-Arbeit schreibt (wie letztens mein Sohn), muss jetzt aber meistens so schreiben, die „Gender“-(Sternchen-)Regel beachten. Andere Leute kritisieren das: sie sagen: die Sprache ist nicht mehr verständlich, es wird kompliziert – niemand kann das aussprechen: „*in“. Sie sprechen von „Umerziehung“. Wenn ich hier in der „epheta“ schreibe, schreibe ich nicht so. Ich weiß, dass für viele gehörlose Leute lange Texte schwer zu lesen sind. Und dass so etwas das Lesen noch schwieriger macht.

Darf man sich schwarz anmalen?

Es gibt die Diskussion, ob sich Kinder zum Sternsingen schwarz anmalen sollen. Ist das harmlos – oder ist das beleidigend für Menschen aus Afrika? Auch schwarze Menschen haben dazu nicht immer dieselbe Meinung. In Kiel gibt es das Restaurant „Zum Mohrenkopf“. Einige Leute haben das kritisiert und gesagt: das ist schlimmer Rassismus. Aber der Besitzer, der Koch Andrew Onegbhu aus Nigeria, sagt: „Ich bin ein Mohr – das Restaurant soll so heißen!“. An anderen Orten wird diskutiert: müssen alle „Mohrenstraßen“ in Deutschland einen neuen Namen bekommen? Bedeutet das mehr Gerechtigkeit für schwarze Menschen?

Perfekte Gesellschaft?

Es gibt die Diskussion, dass Inklusion und Barrierefreiheit viel Arbeit macht und Geld kostet. Gebärdensprachdolmetscher bezahlen, Gebäude umbauen – was ist richtig, was ist „zuviel“? Haben wir irgendwann die „perfekte Gesellschaft“, in der niemand Nachteile spürt – und die „perfekte Sprache“ – wo niemand ausgeschlossen ist?

Ein Bekannter von mir hat bei dem berühmten Philosophen Robert Spaemann studiert. Wir haben uns über diese Fragen unterhalten. Er meinte, Spaemann habe immer gesagt, das „Neue“ müsse richtig begründet werden. Wenn ich etwas ändere – Sprache, Verhalten, Regeln – dann muss ich gute Gründe dafür haben: mehr Gerechtigkeit, keine Benachteiligung usw.. Wie ist das hier?

Eine andere Philosophin, Svenja Flaspöhler, meint auch, es ist verständlich, dass Minderheiten mehr Gerechtigkeit wollen. Aber es gibt auch die Gefahr, dass bestimmte Gruppen nur sich selbst sehen – und übersehen andere Probleme und sagen: „Wichtig ist nur meine Gruppe: DIE Gehörlosen, oder DIE Migranten oder DIE Transsexuellen.“

Und es stellt sich die Frage: ist es für benachteiligte Frauen wichtig, dass das „*“ benutzt wird, oder dass sie genauso gut bezahlt werden wie Männer?

Dazu kommt, sagt Frau Flaspöhler, dass in unserer Gesellschaft viele Gruppen gar nicht mehr miteinander reden. Es ist wichtig, dass alle einzelnen Gruppen am Ende auch zusammenleben und nicht nur einige etwas durchsetzen, was die anderen nicht verstehen.

Einseitig?

Vor ein paar Wochen hat Wolfgang Thierse – früher Präsident des Deutschen Bundestages – zu dem Thema in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geschrieben. Er meint, die Diskussion zu diesem Thema ist zu einseitig. Viele Menschen (ältere …) kommen da nicht mit. Und er hat den Eindruck, dass von „Gebildeten“ oft bestimmte Modelle von „Gerechtigkeit“ unter allen Umständen durchgesetzt werden sollen.

Er hat die Sorge, dass verschiedene Gruppen nur die eigene Identität sehen.

„Nur weil ich weiß bin, bin ich schon Rassist?“ (Thierse im Radio „Deutschlandfunk“).

Eine andere Politikerin aus der SPD – Gesine Schwan – hat ihn unterstützt. Nebenbei: diese beiden aus der SPD sind katholisch – wie sieht das die Kirche?

(Wird fortgesetzt)

Peter Brinker

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