Fleischindustrie macht Menschen zu Arbeitssklaven

Prälat Peter Kossen demonstriert Ende Juni 2020 vor einem Werkstor.

In den Fernsehnachrichten ist immer alles so weit weg. Aber dann werden in meinem Wohnort Cloppenburg die kompletten Schuljahrgänge 8 und 11 nach Hause geschickt, weil dort zwei Schüler Corona haben. Das allein wäre ja in diesen Zeiten nicht so ungewöhnlich. Das wird es erst, wenn man dazu weiß, dass der ebenfalls infizierte Vater in einem großen Fleischbetrieb arbeitet. Der dortige COVID-19-Ausbruch war noch relativ klein, kein Vergleich mit Tönnies in Gütersloh.

Er kommt einem deshalb so nahe, weil er uns mit einem Problem konfrontiert, das lange da ist. Im südlichen Oldenburger Land gibt es nämlich viel Viehhaltung (vor allem Schweine und Puten) und entsprechend viele Schlacht- und Fleischgroßbetriebe.

Werkverträge beuten Arbeiter aus

Und schon jahrelang ist jedem bekannt, dass die Unternehmen ihre meist rumänischen Arbeiter schlecht behandeln, ja ausbeuten. Und das geht so: Rumänische Subunternehmer werben in Rumänien Arbeitskräfte an. Sie stellen sie aber nicht ein, sondern schließen mit den Männern Werkverträge. Das bedeutet, jeder von ihnen ist so etwas wie ein kleiner Unternehmer, der als Selbständiger seine Arbeitskraft anbietet. Natürlich sind die Leute nicht wirklich selbständig, aber so kommt man schon mal um Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und einiges andere herum. Und der Unternehmer stellt sogar die Messer und Kettenhandschuhe sowie die Arbeitskleidung in Rechnung. Außerdem legt er willkürlich die Arbeitszeiten fest, so dass man ständig in Bereitschaft ist. Der Arbeitslohn erreicht höchstens den Mindestlohn, abzüglich all der genannten „Leistungen“. Oft steckt auch der Subunternehmer noch einiges davon ein. Die Arbeiter müssen auch immer wieder an verschiedenen Orten einspringen.

Das reicht aber noch nicht. Denn die Arbeiter müssen ja irgendwo wohnen. Sie können kein Deutsch und müssen daher nehmen, was ihnen Subunternehmer, und Firmenbesitzer vermitteln.

Die Unterkünfte sind oft in Häusern in jämmerlichem Zustand. In den Wohnungen werden die Zimmer mit vier bis acht Menschen belegt. Trotzdem kostet ein Bettplatz meist um die 200 Euro. Eine miserable überbelegte Wohnung wird so für den Vermieter zur Goldgrube.

Wenn der Firmenbesitzer auf solche Missstände aufmerksam gemacht wird, verweist er auf den Subunternehmer. Für den arbeiteten die Männer doch. Die Subunternehmer haben oft ihrerseits wieder Subunternehmer. Kenner nennen das geplante Verantwortungslosigkeit.

Die Rumänen gehen an diesen Bedingungen kaputt. Weil sie zu Hause aber keine Arbeit und kein Einkommen hätten, machen sie gezwungenermaßen mit. Viele merken auch bald, dass es nicht geht und reisen trotz allem zurück in die Heimat. Aber dort stehen schon neue Bewerber bereit. Das macht denen, die bleiben, zusätzlichen Druck.

Kann man dagegen nichts machen? Nun, es gab immer wieder Versuche, mit den Unternehmern zu verhandeln. Die sagten auch alles Mögliche zu, aber tatsächlich änderte sich nichts. Katholische Gruppen demonstrieren immer wieder vor den Werkstoren. Die Caritas bietet Rechtsberatung in rumänische Sprache an, ist vor den Werkstoren immer wieder präsent. Aber es ist ein Kampf von Zwergen gegen Riesen.

Erst jetzt, nach dem katastrophalen Ausbruch von Corona bei Tönnies, werden konkrete Schritte unternommen.

So soll ein Gesetz die Werkverträge ab 2021 verbieten. Aber machen wir uns nichts vor. Die ausbeuterischen Unternehmen werden neue Wege finden, damit sie ihren Profit machen können.

Ein Priester geht dagegen an

Es braucht Mut, dagegen anzugehen. Ein katholischer Priester aus dem Oldenburger Land hat es getan. In Wikipedia wird er so vorgestellt: „Peter Kossen ist ein deutscher römisch-katholischer Priester. Er setzt sich gegen moderne Sklaverei und für faire und würdige Arbeitsbedingungen ein.“ Ja, er nennt das Sklaverei und wird nicht müde, für die Rechte der Arbeiter öffentlich einzutreten. Er nennt das System „mafiöse Strukturen“. Auch einigen scheinbar „unbescholtenen Bürgern“ wirft er vor, sich als Vermieter skrupellos zu bereichern. Gerade erst war er bei Demonstratio­nen vorneweg dabei.

Im Fernsehen ist er inzwischen der anerkannte Experte für dieses Thema. Man nennt ihn den Sozialpfarrer.Peter Kossen war bis 2017 der allgemeine Vertreter des Regionalbischofs für das Oldenburger Land.

Ich kenne ihn persönlich. Er ist ein Mensch, der sich als Person nicht in den Vordergrund spielt. Das Thema hat ihn in unserer Region immer wieder erreicht, und irgendwann hat er sich entschlossen, den Mund aufzumachen.

Dafür wurde er angefeindet und erhielt auch Drohungen. Ein totes abgezogenes Kaninchen wurde zum Beispiel vor seine Tür gelegt. Nach etlichen Jahren merkte er, dass ihn selbst das auch belastete. Er wechselte als Pfarrer ins westfälische Lengerich und wollte sich etwas aus der Sache rausnehmen. So sagte er bei einem Vortrag bei uns. Aber schon bald holte ihn das Thema auch dort ein.

Im Januar 2019 gründete Kossen mit Fachleuten und Engagierten den Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, der im Mai 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Der Verein widmet sich dem Ziel, Arbeitsmigranten bei der Durchsetzung ihrer Arbeitnehmerrechte zu stärken.

Was kann der einzelne tun?

Wir als Kunden fördern das System, wenn wir das billige Fleisch der Ausbeuter kaufen. Bei LIDL und ALDI ist es zu finden, aber auch anderswo. Man kann ihm nur schwer entkommen, weil der Anteil dieser Firmen an der Fleischproduktion so immens hoch ist. Bestenfalls kann man regionale Produkte von gerecht bezahlenden Unternehmen kaufen. Die gibt es nämlich tatsächlich, und erstaunlicherweise sind die nicht pleite.


Holger Meyer

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